07 May 2026, 12:32

Halberstadts verlorene jüdische Geschichte: Wie NS-Terror und DDR-Verdrängung Spuren tilgten

Ein rechteckiges Schild mit der Inschrift "Adolf Abraham" auf einer Steinwand angebracht.

Halberstadts verlorene jüdische Geschichte: Wie NS-Terror und DDR-Verdrängung Spuren tilgten

Halberstadts jüdische Geschichte wurde lange vom nationalsozialistischen Zerstörungswerk und den mangelhaften Erinnerungspolitiken der DDR verdrängt. In seinem neuen Buch „Verweigerte Erinnerung“ untersucht Philipp Graf, wie die einst blühende jüdische Gemeinde der Stadt ausgelöscht wurde – zunächst durch die Nationalsozialisten, später durch die Behörden der DDR. Die Studie zeigt auch, wie alte Vorurteile in den letzten Jahren wieder auflebten, selbst nach dem Fall der Berliner Mauer.

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Der Niedergang der jüdischen Gemeinde Halberstadts begann mit der Zerstörung der Synagoge während der Novemberpogrome 1938. Der Historiker Martin Gabriel markiert dieses Ereignis als Anfang vom Ende der städtischen jüdischen Kultur. Unter der NS-Herrschaft wurde die Gemeinde – ein Zentrum des neo-orthodoxen Judentums – systematisch zerschlagen und später in der DDR in Vergessenheit geraten.

1949 wurde am ehemaligen Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge eine Gedenkstätte eingeweiht, um die Opfer der Zwangsarbeit zu ehren. Doch bis 1969 war sie nicht mehr nur Ort der Trauer, sondern diente als Kulisse für politische Loyalitätsbekundungen. Die Anlage wurde direkt über den Gräbern von Häftlingen errichtet. Ein Jahrzehnt später nutzte die DDR die darunterliegenden Tunnel als Militärdepot für die Nationalen Volksarmee.

Grafs Recherchen offenbaren ein eklatantes Fehlen jüdischer Kulturspuren in der DDR – trotz prägender Persönlichkeiten wie der Sängerin Lin Jaldati, dem Schriftsteller Peter Edel oder dem Romanautor Jurek Becker. Die antifaschistische Rhetorik des Staates verschleierte diese Leerstelle. 2018 kam das Thema wieder auf, als der Verkauf der Halberstädter Rathauspassagen Gerüchte über einen „Verkauf an die Juden“ schürte – ein Anstoß für Grafs vertiefte Untersuchungen.

Das Buch argumentiert, dass es bereits 1949 und erneut 1989 Instrumente gegen sowohl rechtsextremen als auch linksideologischen Antisemitismus gab. Doch diese Ansätze wurden vernachlässigt, was bis heute Lücken im historischen Verständnis hinterlässt. Grafs Arbeit stellt gängige Annahmen über den DDR-Umgang mit jüdischer Geschichte infrage. Zugleich zeigt sie, wie Antisemitismus – ob von rechts oder unter dem Deckmantel linker Ideologie – fortbesteht, wo historische Aufarbeitung fehlt. Die Erkenntnisse sind ein Appell, überkommene Analysemethoden zu überdenken und die Versäumnisse der Vergangenheit zu benennen.

Quelle