Wie eine Doktorandin in Leipzig für 300 Euro im Monat wohnt – dank kreativer Lösung
Sibilla HartungWie eine Doktorandin in Leipzig für 300 Euro im Monat wohnt – dank kreativer Lösung
Bezahlbares Wohnen als Studierende in Deutschland wird immer schwieriger. Zum Beginn des Sommersemesters stieg die durchschnittliche Miete für ein WG-Zimmer auf 512 Euro im Monat – ein Anstieg von fast vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In Leipzig, wo 83 Prozent der Studierenden Mieten zahlen müssen, die über dem BAföG-Wohngeld von 380 Euro liegen, fand eine türkische Doktorandin eine ungewöhnliche Lösung für ihr Wohnproblem.
Kardelen Gökcedağ, Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin, kämpfte mit den hohen Wohnkosten an der Universität. Doch durch das Leipziger Projekt "RaumTeiler" zog sie bei der 78-jährigen Dorothea Stier ein – für nur 300 Euro im Monat in einem kleinen, abgetrennten Zimmer.
Gökcedağ war nach Leipzig gekommen, um ihre Promotion zu beginnen, stellte aber schnell fest, dass sie sich die studentischen Wohnheime nicht leisten konnte. Statt aufzugeben, wandte sie sich an "RaumTeiler", eine Initiative des Leipziger Studentenwerks. Das Projekt bringt Studierende mit Anwohner:innen zusammen, die freie Zimmer haben, und bietet günstigen Wohnraum im Austausch für Gesellschaft oder leichte Hilfe im Haushalt.
Durch das Programm wurde sie mit Dorothea Stier vermittelt, einer Witwe, deren Kinder längst ausgezogen waren. Stier lebte seit über 30 Jahren in demselben Haus am südöstlichen Rand Leipzigs, wo sie ihre Familie großgezogen hatte. Jetzt, mit Gökcedağ im Haus, genießt sie nicht nur die Sicherheit, jemanden in der Nähe zu haben, sondern auch die Gesellschaft einer jüngeren Person.
Gökcedağs 15 Quadratmeter großes Zimmer verfügt über eine eigene Dusche, Toilette und eine kleine Kochnische – alles für 300 Euro im Monat. Die Lösung kommt beiden Frauen entgegen: Stier bekommt eine Mitbewohnerin, während Gökcedağ eine bezahlbare Bleibe ohne finanzielle Belastung findet.
Leipzig ist nicht die einzige Stadt mit solchen Modellen. Seit 2020 haben sich ähnliche Projekte wie "Wohnen für Hilfe" in deutschen Universitätsstädten verbreitet, darunter München, Köln und Hamburg. Oftmals zahlen die Studierenden keine Miete, sondern leisten im Gegenzug Hilfe – etwa eine Stunde Unterstützung pro Quadratmeter Wohnfläche. Vermittler:innen der Studentenwerke oder lokaler Behörden sorgen dafür, dass beide Seiten vor dem Einzug klare Absprachen treffen.
Andere Städte setzen auf abgewandelte Konzepte. Frankfurt etwa bietet mit "Careleaving" jungen Erwachsenen Unterstützung beim Übergang aus der Jugendhilfe in ein selbstständiges Leben. Doch das Grundprinzip bleibt gleich: Die Wohnungsnot wird gelindert, indem Menschen mit Platzangebot und solche mit Wohnbedarf zusammengebracht werden.
Für Gökcedağ war "RaumTeiler" die Rettung. Sie hat nun ein stabiles Zuhause für ihre Promotion. Für Stier bedeutet die Wohngemeinschaft Gesellschaft und ein wenig Hilfe im Alltag.
Angesichts weiter steigender Mieten bieten solche Projekte eine praktische Alternative – für Studierende wie für ältere Mitbürger:innen. Immer mehr deutsche Städte übernehmen ähnliche Modelle, um dem Wohnungsmangel zu begegnen und das generationenübergreifende Zusammenleben zu fördern.






