Mainz 1975: Kälterekorde, ein spektakulärer Mordfall und der Aufstieg des Glockenbaums
Senta ScheelMainz 1975: Kälterekorde, ein spektakulärer Mordfall und der Aufstieg des Glockenbaums
1975 brachte dramatische Ereignisse und tiefgreifende Veränderungen nach Mainz. Ein seit Jahrzehnten ungelöster Mordfall fand sein Ende, während die Stadt mit extremen Wetterbedingungen und Haushaltsproblemen kämpfte. Gleichzeitig prägten ambitionierte Projekte wie die Skulptur Glockenbaum und die Altstadtsanierung das Gesicht der Stadt nachhaltig.
Im Januar 1975 fror Europa in einer heftigen Kältewelle – mindestens 20 Menschen kamen ums Leben. Am Flughafen Frankfurt wurde in der Nacht vom 28. auf den 29. Januar mit -22°C ein neuer Kälterekord gemessen. Doch der Monat brachte auch ein neues Wahrzeichen für Mainz: den Glockenbaum, eine sieben Meter hohe Bronzeskulptur mit einem Gewicht von drei Tonnen. Vor dem Bildungsministerium in der Mittleren Bleiche aufgestellt, zeigt sie 14 Nachbildungen berühmter Glocken, die jeweils 68 kleinere Glocken enthalten. Die Kosten für das Kunstwerk beliefen sich auf 160.000 D-Mark.
Im Februar 1975 nahm die Polizei einen Verdächtigen im Mordfall eines 47-jährigen jugoslawischen Tagelöhners fest, der 1969 in Bretzenheim-Süd ermordet worden war. Der Täter, zum Zeitpunkt der Tat erst 15 Jahre alt, wurde im Februar 1976 zu acht Jahren Jugendhaft verurteilt.
Die Universität Mainz geriet im November 1975 unter finanziellen Druck: Die Studierendenschaft rief wegen eines Defizits von 800.000 Mark zu einem zweitägigen Boykott der Mensa auf. Trotz strenger Zulassungsbeschränkungen (Numerus clausus) stieg die Zahl der Immatrikulierten im Wintersemester 1975/76 auf über 19.000 Studierende. Gleichzeitig stiegen die Mieten in den Wohnheimen um 40 Mark pro Monat. Das Universitätsklinikum verfügte über ein Budget von 180 Millionen Mark, wovon 49,5 Millionen aus Landeszuschüssen stammten.
Die Altstadtsanierung, 1972 gestartet, schritt in den 1970er-Jahren weiter voran. Bis 1976 waren bereits 145 Sozialwohnungen entstanden. Für die weiteren Arbeiten stellte die Stadt im Haushalt 1976/77 über 13 Millionen Mark bereit – Teil eines 916-Millionen-Mark-Plans für zwei Jahre, von dem mehr als ein Fünftel in den sozialen Bereich floss.
Im März billigte der Stadtrat den Bebauungsplan für das Dienstleistungszentrum Bretzenheim-Süd, ein weiterer Schritt in der städtischen Entwicklung.
Die mittleren 1970er-Jahre waren für Mainz eine Zeit des Umbruchs: Rechtliche Aufarbeitung, Wetterextreme und finanzielle Belastungen standen im Kontrast zu kultureller und infrastruktureller Erneuerung. Der Glockenbaum und die Altstadtsanierung hinterließen bleibende Spuren, während Haushaltsentscheidungen die Weichen für die kommenden Jahre stellten.






